Doppelblindstudie II

Fachliche Kritik zur Doppelblindstudie …

… der Gabriel-Macher, aus dem Forum http://f27.parsimony.net/forum67168/messages/3698.htm (nur noch über web.archive.org/ verfügbar.)

Geschrieben von M. Hahn am 18. Mai 2004 17:33:20:

Die Spannung hat nachgelassen, und ich habe mal eine wenig gelesen.

Ursprünglich wurde ja eine umfassende internationale Doppelblindstudie unter Leitung von Dr. Lebrecht von Klitzing angekündigt, deren Ergebnisse ursprünglich Mitte Februar 2004 vorliegen sollten. Nach einer Terminverschiebung auf Mai 2004 liegt nun in der Tat etwas vor. Noch nicht DAS, sondern erklärtermaßen nur ein erstes Ergebnis („…wird mit dem vollständigen Abschluss aller im November 2003 begonnen Dopelblindstudien erst im Sommer 2005 gerechnet). Also noch nichts von Dr. von Klitzing, aber dennoch immerhin eine „umfassende Doppelblinduntersuchung“, durchgeführt an 8 Probanden in der Woche vom 8.-17. April 2004.
Als Physiker sind mir einige Dinge aufgefallen (Bezug auf die 107-seitige Kurzfassung).

Die „physikalische Auswertung“ basiert im Gegensatz zu ihrer Bezeichnung nicht auf anerkannten physikalischen Verfahren, vielmehr steht sie in weiten Teilen im Widerspruch dazu.

Zunächst wurden im Raster Messwerte der Vertikalkomponente des erdmagnetischen Felds ermittelt. Diese werden jedoch nicht direkt in dieser Form dargestellt, sondern weiter verrechnet. Die Darstellung der Differenz „Handy mit Probe“ vs. „Handy ohne Probe“ (Seite 32) ist zunächst noch eine nachvollziehbare Auswertung. Fraglich bleibt jedoch bereits hier, inwieweit grundsätzlich das Handy einen Beitrag zum statischen Magnetfeld liefern kann, der über den vom Batteriestrom hervorgerufenen hinausgeht (was wohl keiner Untersuchung wert wäre, zumal es da schon eine Studie gibt). Fraglich ist weiter, inwieweit nicht allein Messunsicherheiten die wesentliche Ursache für das „+- 1 Mikrotesla-Feldmuster“ sind. Es wird jedenfalls keinerlei Fehlerbetrachtung angestellt. Die nicht belegte Aussage, wonach mit einer Standardabweichung von ca. 0,5 Mikrotesla gemessen werden könne, demzufolge Effekte von 1 Mikrotesla als sehr signifikant zu betrachten seien, verwirrt eher. (Überhaupt wird der Signifikanzbegriff recht lax verwendet) Das verwendete Gerät
http://www.projekt-elektronik.com/pe_en/produkte/FM%20GEO-X%20Data%20Sheet%2023.04.2003.pdf
macht einen recht einfachen Eindruck, insbesondere ist es offenbar nicht eichfähig, und der Linearitätsfehler von 0,3 % ist natürlich nicht gleichbedeutend mit der Gesamt-Messunsicherheit des Gerätes. Für das von Dr. Medinger seinerzeit für den „amtlichen Wirknachweis“ verwendete ähnlich einfache Gerät „Geo-Magnetometer BPM 2010“
wird vom Hersteller eine Genauigkeit von +- 3% angegeben, und auch das ist für solcherart Geräte noch eine gute Zahl. Indes bedeutet das bei 40 Mikrotesla schon mal +- 1,2 Mikrotesla. Allein die Messunsicherheit des Gerätes, immer noch keine Rede von anderen Fehlerquellen (z.B. wurde die Sonde wurde mit der Hand gehalten, Seite 18). Nicht ganz klar geht aus der Gerätebeschreibung hervor, inwieweit AC-Magnetfelder (z.B. 50 Hz und Harmonische) bei der Messung des magnetischen Gleichfeldes der Erde eine Störgröße sein können.
Der Bericht spricht hier auf Seite 18 von den „biologisch besonders wirksamen extrem niederfrequenten (< 5 Hz) oder sogar statischen Effekten. Dies sind besonders die niederfrequente Pulsung der Signale und die Akkuströme (Gleichströme).“ Komisch, ich hätte hier glatt auf > 5 Hz, nämlich 217 Hz getippt. Unklar in diesem Zusammenhang auch die Rolle der zwei Permanentmagneten zu Füßen des Probanden (Seite 15).

Soweit klassische Physik. Der o.g. fundamentale Widerspruch tut sich aber auf, wenn man sich anschaut, wie die Magnetfeldwerte weiter verrechnet wurden, um daraus die eigentliche Basis für die „Physikalische Auswertung“ zu gewinnen. Hier werden „Feldkohärenzmuster“, „IIREC-Feldgradientendivergenz“ bzw. „Quellenanalyse“ genannte Phänomene/Verfahren herangezogen. Die in der bisherigen Physik zugrunde gelegte Quellenfreiheit magnetischer Felder wird hier verworfen und darauf fußend eine „Ordnungsanalyse“ des Feldes vorgenommen. Ein Prüfverfahren, dass auf Postulaten beruht, welche im deutlichen Widerspruch zur aktuellen Physik stehen, kann aber nicht als „physikalische Auswertung“ bezeichnet werden. Die belastbare physikalische Untersuchung gerade eines „ungewöhnlichen Dinges“ wie des Gabriel-Chips kann nicht auf ihrerseits (vorsichtig gesagt) fragwürdigen Verfahren beruhen. Weiter will und kann ich darauf nicht eingehen, da die Autoren der Studie selbst keine näheren Angaben machen, in welcher Weise diese „mathematische Analyse der Feldwerte“ vorgenommen wurde. Und bei Magnetkunde war ich vielleicht auch gerade Kreide holen, und kann deswegen mit Millitesla pro Quadratmeter nichts Rechtes anfangen, aber das mit der Quellenfreiheit habe ich mir noch gemerkt. Die Auswertung auf Seite 39-42 mag meinetwegen vor der Entblindung vorgenommen worden sein, sie macht jedoch einen in keiner Weise physikalischen Eindruck, sondern erinnert mich fatal an Handlinien-Lesen. Um so merkwürdiger, als es doch angeblich eindeutige Kriterien gibt! Denn auf Seite 10 kann man nachlesen, dass der Hersteller die dem Notar übergebenen Chips nicht einfach aus seiner Kenntnis als Placebo und Verum klassifiziert hat (er muss es ja am besten wissen, welche „energetisiert“ sind). Nein, die Chips wurden sogar vorab nochmals „unter Laborbedingungen nach IIREC-Standardverfahren auf Wirksamkeit bzw. Unwirksamkeit geprüft und bestätigt“. Wie das Verfahren aussieht: unklar. Wer es durchgeführt hat: IIREC, also Dr. Medinger? Irgendwie dreht sich das alles im -wenig internationalen- Kreis.

Zum medizinischen Teil will ich nicht viel sagen, da bin ich Laie. Das nicht schulmedizinische Verfahren „Quint“ hat gottlob keine große Bedeutung erlangt bei der Auswertung. Jedenfalls darf man eigentlich hoffen, dass die Wichtung der „schulmedizinischen Parameter“ (Tabelle auf Seite 37) vor Versuchsbeginn fest stand und nicht hinterher im Interesse „leichterer Interpretierbarkeit“ angepasst wurde. Ein in der Wissenschaft beliebtes Verfahren. Dass die Rangfolge der Parametersensitivität aber als ein Ergebnis der Studie bezeichnet wird, lässt genau das vermuten.
Als Laie frage ich mich nur, warum gerade die „Trendumkehr“ im Vergleich mit/ohne Chip eine so besondere Aussage bringen soll und nicht vielmehr das Muster „Effekt/kein Effekt“. Bei Vorzeichenwechsel im kleinen Maßstab (wenige Prozent? s.u.) denke ich eher an Rauschen. Oder ist so ein Handy mit echtem Gabriel-Chip noch besser als gar keines? Aber ich verstehe wohl zuwenig von Bioresonanz und der Wiederherstellung von Ordnung. Dafür ich verstehe ein wenig von Maßeinheiten. Und die fehlen mir ein bisschen in der Studie. Wenn zum Beispiel die Datenauswertung der Atemamplitude (Seite 8 von 9 im Anhang) auf Vorher-Nachher-Unterschieden im Bereich von 1-2 % (sind es Prozent??) aufsetzt, also dann…

Weitere Unklarheiten:
Seite 30:
Da hat man glücklicherweise noch vor Beginn der Studie erkannt, dass es wenig Sinn ergibt, viele Probanden zu verwenden, aber dann bei den einen NUR das Verum, bei den anderen NUR Placebo. Das ist ja wohl trivial, denn selbst wenn man einmal die leidige Diskussion über Sinn und Unsinn von Kurzzeitexpositionen vergisst, dann ist doch jedes Individuum verschieden in seiner Reaktion und folglich ist es Mindestbedingung, jeden Probanden sowohl auf Placebo als auch auf Verum zu testen. Zitat: „[so] lassen sich Wirkung und Nichtwirkung bei EINEM Probanden individuell zeigen“ Was aber hat man getan? Einer bekommt gleich 5 Chips, davon 2 x Placebo, einer 4 (je 2 und 2) einer 4 (1 und 3) einer 3 (1 und 2), und die Hälfte der Probanden bekommt dann doch nur einen Chip. War das so geplant, und wenn ja warum? Jedenfalls war der Notar nur beim ersten Probanden dabei, und wer wollte sagen (Hallo Rainer!), dass hier nicht im Nachhinein schlecht interpretierbare Reihen unter den Tisch gefallen sind. Auch das ein in der Wissenschaft beliebtes Verfahren…

Seite 10:
„Es wurden nur Probanden einbezogen, über deren Reaktionsverhalten bzw. Testbarkeit Vorerfahrungen aus der medizinischen Praxis bestanden“ Was heißt das?

Seite 13:
Mit meinen Worten: „Es waren immer 4-5 Balken auf der Anzeige, also hat das Handy nur schwach gesendet, und dann wurde auch nicht hineingesprochen, also hat es noch schwächer gesendet.“ Schwach ist hier vor allem die Beschreibung der Exposition…

Seite 15:
Die Blockmagneten (hoffentlich quellenfrei ;-)… also gleichmäßig war die Flussdichte wohl allenfalls im zeitlichen und nicht im räumlichen Sinne. Aber, siehe Versuchsergebnis, ja auch das nicht.

Seite 18:
Effekt der multiplen Frequenzen bei der Einwirkung von HF auf Wasser in biologischen Geweben, der zur Abspeicherung von parallelen Niederfrequenzen führt. Ist glaube ich noch kein allgemeines physikalisches Lehrbuch-Wissen… Oder gehört das zur Biologie? Aber die Kapitelüberschrift lautete doch „Physikalische Messungen“?

Seite 19:
„Die Messpunkte befanden sich im ausreichenden Abstand vom Handy, und die Magnetisierung des Handys beeinträchtigte die physikalische Messung nicht.“ Na schön. Aber was wurde noch mal gemessen physikalisch? Der feinstoffliche Einfluss der HF auf das Erdmagnetfeld? Und wenn dann das Handy an einem „Knotenpunkt der Kohärenz“ liegt, dann ist das wieder der Beweis für Signifikanz. Mit Physik wie ich sie verstehe, ist das nicht ganz einfach zu begreifen.

Seite 20:
Wie die feinstoffliche Information störenderweise in den SIM-Chips gespeichert werden kann, das begreift auch der Laie, denn das sind ja Speicherchips… Aber der Fachmann wundert sich doch, warum die feinstoffliche Information sich NUR dort und nicht auch in allen anderen Teilen des Handys sich festkleben kann, z.B. im Prozessor, im Akku im Display, im Mikrofon, oder gar im Experimentator… und solcherart die Kohärenz durcheinander bringt.

Seite 22:
EAV, Quint und Co. „In Fachkreisen mittlerweile weitgehend nachvollzogen, aber wegen der oft vom Untersuchenden abhängenden Einflüsse noch nicht allgemein anerkannt.“ Schöne Formulierung, gefällt mir. Irgendwie so ganzheitlich.

Seite 24/25 (EMG)
Mit „bipolaren Rohwerten“ ist wohl die Wechselspannung gemeint. Und deren Amplitude steigt im Gegensatz zu den integrierten (= gleichgerichteten?) Werten NICHT proportional zur Muskelspannung? Statt eines Verstärkers hoher Leistung würde ich hier einen hoher Verstärkung vorziehen. (Lässlicher Lapsus für eine Medizinerin)

Seite 26:
In Prozent bezogen worauf wird der „Blutvolumenpuls“ angezeigt?
„Je größer die Pulsamplitude, desto weiter das Gefäß.“ Das stimmt sicher, wenn ich die Amplitude auf das Blutvolumen beziehe. Bezieht man die Amplitude auf den Druck, dann würde ich eher das Gegenteil vermuten. Wenn das Messverfahren auf reflektiertem Licht beruht, würde ich doch fast auf eine indirekte Druckmessung (weil via Gefäßausdehung) tippen. Nur so ein Gedanke als Physiker.

Seite 34 unten:
„Atmosphärische Impulsstrahlung (Sferics) im Zusammenhang mit einer Föhnlage am dritten und vierten Untersuchungstag. Eine Antennenwirkung der Stative kann dabei eine Rolle gespielt haben“ Schön gesagt, und damit sind dann auch die verblieben Fehldeutungen elegant erklärt (siehe Seite 46, letzter Punkt).

Zusammenfassend könnte man mit einem -sicher unpassenden- Vergleich sagen: Wenn ich beweisen will, dass im Kaffesatz Informationen stecken, und dazu in eine Kristallkugel schaue, dann bleibt ein Zufallstreffer ein Zufallstreffer, auch wenn die Kaffeetassen vom Notar umgedreht worden.
Zumindest was den Teil „Neue Physik“ betrifft, will ich mal den Vergleich mit der Kugel bemühen. Zur Medizin mögen sich andere äußern. Und nun schau´n wir mal, wie es international weiter geht.

M.H.

Die Doppelblindstudie ist als Download immer noch verfügbar unter: web.archive.org/web/20040813055056/http://gabriel-sc.de/html/dow.shtml?cart_id=

Falls nicht mehr, bitte hier herunter laden.

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